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Avicenna Live: The Immediate Context of Avicenna’s Intellectual Formation

ALIVE untersucht eine einzigartige Sammlung wesentlicher, bisher jedoch überraschend stark vernachlässigter Quellentexte aus dem unmittelbaren Umfeld des muslimischen Universalgelehrten Avicenna (Ibn Sīnā, gest. 428/1037) und bietet einen neuen digitalen Ansatz für die gemeinschaftliche Bearbeitung vielfältiger und inhaltlich komplexer Textkorpora.

Avicenna ist der einflussreichste Philosoph der arabisch-islamischen Geistesgeschichte und gilt zu Recht als einer der bedeutendsten Philosophen aller Zeiten. Oft wird er als philosophisches Wunderkind beschrieben, der – wie Mozart in der Musik – sehr früh seine Ausbildung vollendet und sein Verständnis der Wirklichkeit vervollkommnet hatte. Doch Avicenna war auch ein eifriger Schüler seiner Lehrer und wurde später zu einem engagierten Lehrer für seine eigenen Schüler – was zur Schlüsselfrage von ALIVE führt: Inwieweit haben Avicennas persönliche Beziehungen zu seinen Zeitgenossen, d. h. ihre Unterhaltungen und Gespräche, seine wissenschaftlichen Ansichten beeinflusst? Hat er möglicherweise seine Gedanken im Lichte der Auseinandersetzungen mit seinen älteren und jüngeren Zeitgenossen umformuliert oder gar verändert?

Die moderne Forschung zu Avicenna ist solchen Fragen bisher oft ausgewichen und hat stattdessen gerne auf dessen Autobiographie verwiesen, worin Avicenna in seinen späteren Jahren erklärte, er habe seine Ansichten seit dem achtzehnten Lebensjahr nicht geändert: „Alles, was ich damals wusste, ist noch genau so, wie ich es heute weiß; ich habe all dem bis zum heutigen Tage nichts hinzugefügt.“ Dazu kommt außerdem, dass es den meisten Wissenschaftler*innen gar nicht bekannt zu sein scheint, dass eine Reihe von Quellen erhalten geblieben ist, die es uns ermöglichen, Avicennas Interaktion mit seinen Zeitgenossen zu untersuchen. Andere Kolleg*innen waren indes mit diesen Quellen vertraut, schreckten aber bisher vor den hohen Anforderungen zurück, welche gerade diese Texte an eine systematische Untersuchung stellen. Infolgedessen blieb der unmittelbare Kontext von Avicennas intellektueller Entwicklung erstaunlich wenig erforscht, und dies trotz seines enormen Potenzials für neue Einsichten nicht nur in bestimmte Teile des Werks Avicennas, sondern in dessen Philosophie überhaupt. – Diese Umstände bilden den Ausgangspunkt der Überlegungen, die hinter ALIVE als Forschungsprojekt stehen.

ALIVE ist die erste systematische Analyse einer einzigartigen Auswahl wesentlicher und bisher weitgehend unberücksichtigter Quellentexte, die Avicennas direkte Auseinandersetzung mit seinen Zeitgenossen dokumentieren oder zumindest Rückschlüsse hierauf erlauben. Indem ALIVE seine persönlichen Interaktionen sowohl mit der älteren Generation seiner Lehrer als auch mit der jüngeren Generation seiner Schüler zum Leben erweckt, zielt das Forschungsprojekt darauf ab, Avicennas Innovationen im Lichte seiner eigenen Entwicklung neu zu bewerten, um dadurch ein neues Paradigma für die Erforschung Avicennas sowie für alle zukünftigen Arbeiten zur Geschichte der Philosophie in der islamischen Welt zu schaffen. Gleichzeitig wird ALIVE einen wichtigen Beitrag zu den Digital Humanities leisten, indem es eine digitale Umgebung bereitstellt, mit der gemeinschaftsbasierte Übersetzungen besonders komplexer arabischer Textcorpora möglich wird.

Insgesamt besteht ALIVE aus vier Teilprojekten:

  • ALIVE1 analysiert eine einzigartige Handschrift, die der Forschung beinahe völlig unbekannt ist und in der die philosophischen Schriften des christlichen Philosophen und Arztes Abū Sahl al-Masīḥī (gest. 401/1010) erhalten geblieben sind, der zu Avicennas engsten Lehrern während seiner prägenden Jahre zählt.
  • ALIVE2 untersucht eine weitere Handschrift, die zwar berühmt ist, der bisher aber nur einseitig Aufmerksamkeit zukam, da sie ausschließlich dazu verwendet wurde, die spätantike griechische Kommentartradition nachzuzeichnen – nicht jedoch, um die Entwicklung der arabischen Philosophie (oder Avicennas) besser zu verstehen.
  • ALIVE3 konzentriert sich auf eine faszinierende Aufzeichnung von „Diskussionen“ (arab.mubāḥaṯāt), die Avicenna mit seinen Schülern führte und der aufgrund ihrer inneren Komplexität von der Wissenschaft wenig Beachtung geschenkt wurde, obwohl ihre Erforschung weithin als zentrales Desiderat im Bereich der Avicenna-Studien gilt.
  • ALIVE4 untersucht die Schriften von Avicennas wichtigstem Schüler Bahmanyār b. Marzubān (gest. 458/1066 oder bereits 430/1038), die allgemein wegen ihres vermeintlich unoriginellen Inhalts und des angeblichen Mangels an Finesse ignoriert wurden, obwohl ihr Autor behauptet, sie auf Grundlage von Gesprächen mit dem Meister selbst verfasst zu haben.

Jedes der vier Teilprojekte zielt für sich allein auf eine spürbare Lücke im Stand der Forschung ab; gemeinsam erforschen sie, wie das unmittelbare Umfeld die Philosophie Avicennas geprägt haben und wie er durch die kritische Prüfung seiner Zeitgenossen dazu aufgefordert worden sein könnte, seine Gedanken neu zu sortieren, zu überdenken und vielleicht sogar zu überarbeiten.

Nach fünf Jahren, wird ALIVE in der Lage sein, zu beurteilen, ob Avicennas Werke als monolithisches Manifest eines bemerkenswert standhaften und unerschütterlichen (vielleicht sogar starrköpfigen) Genies oder als die dynamische Vision eines lebendigen Denkers – eines Philosophen aus Fleisch und Blut – betrachtet werden sollten, der in engster Interaktion mit seinen Zeitgenossen aus dem unmittelbaren Umfeld stand.

Team

Projektleitung

Mitarbeitende

  • Hanif Amin Beidokhti
  • Peter Tully

IT Entwicklung

  • Andreas Schneider

Ausschnitt aus einem bekannten Gemälde, das Avicenna – ganz alleine – bei der Arbeit zeigt. („Avicenna – the Persian Galen“ von Robert Alan Thom, 1915–1979; Bild zur Verfügung gestellt von der U.S. National Library of Medicine)